Ein doppelter Scarpia, zwei überragende Rollendebüts und eine viel diskutierte Neuproduktion

Giacomo Puccinis Oper Tosca an der Bayerischen Staatsoper


Von Hannah Klug / Wunderbare Welt der Oper

10. Juni 2024

(@Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper)


              Die Inszenierung - ein paar offene Worte

Zu Beginn ein paar Worte zur der Neuinszenierung von Kornel Mundruczo an der Bayerischen Staatsoper, die bei den Zuschauern die unterschiedlichsten Gefühle und 

Gedanken ausgelöst hat und immer wieder auf ein großes Unverständnis gestoßen ist, insbesondere was den ersten Akt angeht. Ein Problem sind die fehlenden Hintergrundinformationen bezüglich der Figuren, die der ungarische Regisseur über die bekannte Geschichte von Puccini gelegt hat. Wie soll man als Zuschauer nachvollziehen können was sich auf der Bühne abspielt wenn man keine Chance hat sich vorher schlauzumachen und sich näher mit dem Regiegedanken zu befassen. Die wenigsten Zuschauer dürften jemals Einblick in den mittlerweile nicht mehr zugänglichen und höchst umstrittenen Film "Die 120 Tage von Sodom" erhalten haben, der hier als Grundlage für die Neuproduktion gedient hat. Und die fiktive Person von Mario Cavaradossi und die reale Person von Pier Paolo Pasolini werden in München übereinander gelegt und vermischen sich im Laufe der Handlung immer wieder. Ähnlich verhält es sich auch mit Floria Tosca und Maria Callas, die Pasolinis große Muse war. Wie soll man da noch den Überblick behalten. Ein weiteres Problem dieser Neuinszenierung ist besonders im ersten Akt, dass einfach zu viel los ist auf der Bühne und die Handlung oftmals sehr unruhig wirkt und zusätzlich auch noch recht unübersichtlich ist.

Wenn man bedenkt, das es sich bei Giacomo Puccinis Oper eigentlich um ein sehr 

intimes Kammerspiel handelt, in dem in erster Linie die drei Hauptprotagonisten Floria Tosca, Mario Cavaradossi und Baron Scarpia im Blickpunkt stehen, ist festzustellen, dass zahlreiche Nebenschauplätze ziemlich überflüssig sind. Sie lenken von dem hauptsächlichen Drama ab, das sich im Laufe der Handlung entwickelt und zuspitzt und in einem tragischen Ende gipfelt, das keiner der drei Hauptprotagonisten überlebt. Mehr braucht es eigentlich nicht für einen atemberaubenden, erfüllenden und unvergesslichen Opernabend. Es möge sich aber jeder sein eigenes Bild davon machen nach der Übertragung am 27. Juli und dann ein Urteil darüber fällen. 

Einen kleinen Hinweis gibt es noch; auf den Besetzungszetteln ist nicht nur eine Erläuterung für die Eröffnungssequenz dieser Neuinszenierung vermerkt, sondern auch für die Videoeinspielung zu Beginn des dritten Aktes.

(@Wilfried Hösl / Wunderbare Welt der Oper)


  Ein hervorragend besetztes Ensemble und unzählige Statisten

Die Bayerische Staatsoper verfügt über einen großen Vorteil zahlreichen anderen Opernhäusern gegenüber, sie ist in der Lage auch kleinste Rollen hervorragend und sehr treffend aus ihrem Ensemble heraus zu besetzen. So auch bei dieser Tosca Neuproduktion. Fünf Nebenrollen gab es zu vergeben und die wurden überzeugend und mit viel Einsatz von Milan Siljanov (Cesare Angelotti), Martin Snell (Der Mesner), Tansel Akzeybek (Spoletta), Christian Rieger (Sciarrone) und Pawel Horodyski (Ein Gefängniswerter) verkörpert. An diesen Sängern, einige erfahren, andere noch jung und am Beginn ihrer Karriere, zeigt sich das sehr hohe Niveau dieses Opernhauses. 

Eine große Freude und enorm wichtig um eine Vorstellung rund um realistisch zu gestalten. Die typgerechte Besetzung der Charaktere spielt auch bei den Nebendarstellern eine entscheidende Rolle und das gelingt an der Bayerischen Staatsoper stets sehr gekonnt. Danke also an dieses großartige Ensemble am Münchner Nationaltheater. Den begeisterten Schlussapplaus haben sich all die wunderbaren Sänger und Darsteller redlich verdient.

(@ Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper)


              Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper 

         unter der musikalischen Leitung von Andrea Battistoni

Das mehrfach ausgezeichnete Bayerische Staatsorchester unter der Leitung des italienischen Dirigenten Maestro Andrea Battistoni, sowie der wunderbare und leistungsstarke Chor der Bayerischen Staatsoper trugen auch in dieser Tosca Premierenserie erheblich zum Erfolg bei und riefen ebenso Begeisterungsstürme beim  Publikum hervor wie die herausragenden Solisten. Eine kleine kritische Anmerkung sei bezüglich der Lautstärke des Orchesters erlaubt, die sich vor allem auf den ersten Akt und besonders auf das "Te Deum" bezieht. Bei aller Begeisterung und Leidenschaft für diese wunderbare Oper und Giacomos Puccinis mitreißende und unglaublich schöne Musik; wenn die Sänger kaum mehr zu hören sind, auch die mit einer normalerweise gut vernehmbaren Stimme, dann sollte der Dirigent sein Orchester ein wenig zurücknehmen. Ansonsten darf man aber sagen, das Andrea Battistoni genau der richtige für Puccini ist und das Bayerische Staatsorchester die Aufgabe mit großem Enthusiasmus und Einsatz gemeistert hat. Der Applaus am Ende war somit mehr als verdient. Der Chor der Bayerischen Staatsoper der bei der Tosca nur im ersten Akt etwas zu tun hat, konnte wie immer mit einer sehr guten Leistung überzeugen und sollte auf jeden Fall erwähnt werden. Dieser Chor gehört zu einem der besten an den Opernhäusern weltweit.

(@Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper


        Ludovic Tezier verkörpert überzeugend den brutalen und 

                    sadistischen Polizeichef Baron Scarpia!

   In Vorstellung Nummer sechs übernahm einmalig Luca Salsi 

Der französische Bariton Ludovic Tezier gehört zu den führenden Opernsängern in seinem Stimmfach und ist einer der besten Darsteller was das Verdi Repertoire angeht. Aber auch bei Donizetti und Puccini, fühlt sich der sympathische Weltstar wohl. Nicht zu vergessen die französischen Werke zum Beispiel von Bizet, Massenet Ambroise Thomas oder Hector Berlioz, die Ludovic Tezier aufgrund seiner Muttersprache besonders intensiv und authentisch mit Leben füllen kann. Die Rolle des abgrundtief bösen und rücksichtslosen Polizeichef Scarpia dazustellen bereitet dem Ausnahmesänger eine besondere Freude wie er nach der letzten Vorstellung an der Bühnentür verriet. Und das spürt man in jeder Sekunde. Stimmlich ist der 55jährige in seiner Primetime und es gibt aktuell nur wenige Kollegen seines Fachs die sich auf einem gleich hohen Niveau bewegen. Sein Bariton ist kraftvoll, ausdrucksstark, und mit einem großem Farbenreichtum ausgezeichnet. Das bietet dem französischen Opernsänger eine Fülle an Gestaltungsmöglichkeiten bezüglich seiner Rolle als Bösewicht. Sein Baron Scarpia ist nicht vordergründig böse und brutal, sondern verfolgt seinen perfiden Plan in dem er seine Opfer zunächst in einer gewissen Sicherheit wiegt, wie ein gefährliches Raubtier seine Beute umschleicht bevor es zum Sprung ansetzt. Dann erst offenbart er seine ganze Brutalität und Bosheit. Mit dieser fesselnden Darstellung zog Ludovic Tezier von Beginn an das Publikum im Nationaltheater in seinen Bann und wurde für diese überragende Leistung mit reichlich Applaus und unzähligen Bravorufen belohnt. Wer den französischen Ausnahmesänger möglichst zeitnah wieder auf der Bühne erleben möchte, der kommt am Besten am 21. Juli zu seinem Liederabend ins Münchner Prinzregententheater oder zu einer der drei Tosca Vorstellungen während der Opernfestspiele.

Abschließend noch ein paar Worte zu Luca Salsi, der recht kurzfristig und einmalig in Vorstellung Nummer sechs für den französischen Kollegen die Partie des Scarpia übernahm und wie nicht anders zu erwarten seinem exzellenten Ruf als Sänger und Schauspieler gerecht wurde. Dabei war es sehr angenehm, dass er in seiner Darstellung des fiesen Polizeichef, seine eigene Interpretation mit einbrachte. Das Publikum hatte der italienische Bariton binnen kürzester Zeit auf seiner Seite und durfte sich am Ende über den hoch verdienten Applaus freuen.     

(@ Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper)


   Charles Castronovo gibt sein erfolgreiches Rollendebüt als

                                   Maler Mario Cavaradossi!

Charles Castronovo gehört zweifellos zu den besonders charmanten und gut aussehenden Sängern in der Opernszene und ist optisch schon mal die Idealbesetzung für den leidenschaftlichen Maler Mario Cavaradossi, dessen Herz für die wunderschöne Sängerin Floria Tosca entbrannt ist. Auch stimmlich hat der amerikanische Tenor einiges zu bieten. Dieses hat er auch in unzähligen Partien  an der Bayerischen Staatsoper bewiesen und mit seiner Darstellung immer wieder das Münchner Publikum für sich eingenommen. Auch wenn der amerikanische Tenor mit den sizilianisch-ecuadorianischen Wurzeln eigentlich noch ein lyrischer Tenor ist, so beginnt er sich jetzt auch nach und nach die dramatischen Partien anzueignen. Vorsichtig und mit viel Sorgfalt ausgewählt, ohne ein zu großes Risiko einzugehen. Bei den Verdi Partien kann Charles Castronovo mittlerweile so einige Rollen vorweisen, in denen er erfolgreich debütiert und an verschiedenen Mayor Houses auf der Bühne verkörpert hat. Dasselbe gilt für zahlreiche Belcanto Rollen, Mozart Partien und das französische Repertoire. Nun also das Rollendebüt als Mario Cavaradossi an der Bayerischen Staatsoper, das für den 48jährigen über die letzten 15 Jahre zur künstlerischen Heimat geworden ist. Eigentlich hatte er sich ja für seinen ersten Cavaradossi eine etwas traditionellere Inszenierung gewünscht, verriet 

der sympathische Opernsänger bei einem Künstlergespräch mit BR Klassik in München. Er sei aber dann insgesamt doch sehr zufrieden gewesen mit dem was sich während der Proben entwickelt hat. Und genau das war auch zu bemerken sobald sich der Vorhang im Nationaltheater hob. Lässig, elegant, charmant im ersten Akt, gequält aber auch kämpferisch im zweiten Akt und voller Verzweiflung und Schmerz in Akt drei. Und in jeder Sekunde wirkte die Darstellung, die Verkörperung seiner Figur authentisch und ehrlich. Stimmlich in den ersten Vorstellungen noch sehr konzentriert und gefordert, steigerte sich Charles Castronovo immer weiter, gestaltete detailreich seine anspruchsvolle Partie, füllte sie mit Leben und echten Emotionen. Die Victoria Rufe im zweiten Akt beeindruckend, das E lucevan le stelle

unglaublich verzweifelt und traurig. Die Duette mit Eleonora Buratta mitreißend. 

So gab es auch für den amerikanischen Tenor am Ende viel Applaus und ein herzliches Dankeschön vom Münchner Publikum. Wer den Opernsänger in München wieder sehen will, muss sich jetzt erstmal gedulden, Ende Januar kehrt er zurück mit fünf Vorstellungen der bereits bekannten Inszenierung von Un Ballo in Maschera". 

Wer sich so lange nicht gedulden kann, der wirft am Besten einen Blick auf seine Hompage oder schaut ganz einfach bei Operabase vorbei.

(@ Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper)


  Eleonora Buratto erobert als neue Tosca im Sturm die Herzen

                                des Münchner Publikums

Bei der Spielzeitpräsentation im April 2023 war Anja Harteros noch für die Titelpartie der Tosca in Kornel Mundruczos Neuinszenierung am Münchner Nationaltheater angekündigt worden. Im Laufe des Jahres kam dann wie von vielen ihrer Fans schon geahnt die Umbesetzung der deutsch-griechischen Opernsängerin. Die italienische Sopranistin Eleonora Buratto, die in ihrem Heimatland bereits eine erfolgreiche Karriere vorzuweisen hat, übernahm für Anja Harteros in dieser Neuproduktion und gab damit ihr internationales Rollendebüt an der Bayerischen Staatsoper. Ihr Hausdebüt hatte die in Mantua geborene Opernsängerin bereits ein Jahr zuvor gegeben, als sie ebenfalls als Einspringerin für Anja Harteros, als Desdemona zu erleben war. Ihre Auftritte als Floria Tosca auf der Bühne des Münchner Nationaltheater wurden von Beginn an zu einem Triumph. Die 42 Jährige Italienerin besitzt einen flexiblen und geschmeidigen Sopran der alles hat ,was man benötigt um eine solch anspruchsvolle Partie ohne Probleme zu bewältigen. Eleonora Buratto verfügt über das Können wunderschöne Legatobögen zu singen, hat die Fähigkeit zu dramatischen Ausbrüchen und verzückt gleichfalls durch zarteste Piani. Ihre große Arie im zweiten Akt, gemeint ist selbstverständlich das "Vissi darte", gehörte zu den schönsten Momenten jeder Tosca Vorstellung. Auch darstellerisch überzeugte die sympathische Künstlerin; sie hauchte ihrer Figur Leben ein, gab ihr einen eigenen Charakter und lässt die Gefühle die Floria Tosca durchlebt echt und intensiv wirken. Sie bewegt sich leicht und selbstverständlich auf der Bühne und ist in der Interaktion mit ihren Kollegen eine dankbare Partnerin. Eleonora Buratto gehört zweifelsohne in dieser Premierenserie an der Bayerischen Staatsoper zu den ganz großen Entdeckungen und wird auch in der Zukunft regelmäßig im Münchner Nationaltheater zu Gast sein. Im Juli gibt es aber erstmal noch ein Wiedersehen mit der italienischen Opernsängerin. Auch sie wird in den Festspielvorstellungen der Tosca Neuproduktion am 24.7. , 27.7. und 30.7.  zu erleben sein. Alle weiteren Termine gibt es auf ihrer Website zu entdecken oder auf Operabase.

(@ Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper) 


Fortsetzung folgt...Die Tosca Neuproduktion bei den Münchner

Opernfestspielen mit Jonas Kaufmann als Mario Cavaradossi!

Die ersten acht Tosca Vorstellungen von Kornel Mundruczus Neuinszenierung sind vorüber, die nächsten drei lassen nicht lange auf sich warten. Schon am 24. Juli bei den Münchner Opernfestspielen geht es weiter. Dann gibt es eine von vornherein 

geplante Besetzungsänderung bezüglich des Mario Cavaradossi. Der deutsche Weltstar Jonas Kaufmann, schlüpft dann in die Rolle des leidenschaftlichen Malers.

Man wird sehen was der erfahrene Opernsänger daraus machen und wie er dieses  spezielle Regiekonzept für sich adaptieren wird. 

Der Rest der Besetzung ist identisch wie in der gerade beendeten Premierenserie. 

Das heißt Eleonora Buratto übernimmt erneut die Partie der Titelheldin und Ludovic Tezier die des bösen und hinterhältigen Polizeichefs Scarpia. Und auch die weiter oben genannten fünf Nebenrollen bleiben bis den Cesare Angelotti gleich besetzt. 

Abschließend darf man bezüglich der ersten acht Vorstellungen sagen; musikalisch ein Hochgenuss, hervorragend besetzt und von den Darstellern überzeugend auf der Bühne umgesetzt. Und letztlich waren alle Abende zu 99% ausverkauft, was vor allem den überragenden Sängern und Musikern zu verdanken ist, die vom Publikum hoch 

verdient gefeiert worden sind.

Es gibt aber auch einiges zu überdenken und zu korrigieren. Es geht hierbei natürlich um die szenische Gestaltung, vor allem die des ersten Aktes. Weniger unnötige Aktionen auf der Bühne,  eine größere Übereinstimmung zwischen Handlung und Text und die drei Hauptprotagonisten in den Mittelpunkt stellen. Das wären ein paar Gedanken die einem in den Sinn kommen wenn man an die neue Tosca Produktion denkt. Aber wer weiß wie sich alles verändert im Laufe der nächsten Vorstellungen. Vielleicht gibt es ja noch die eine oder andere positive Überraschung. 



Informationen!

Resttickets für die Tosca sind aktuell noch für den 27.7. und 30.7. verfügbar > siehe Homepage Bayerische Staatsoper! Ansonsten gibt es noch die Möglichkeit am 27.7. alles im Livestream mitzuverfolgen > siehe Staatsopern TV! Die dritte Chance auf dieses besondere Erlebnis ist wie jedes Jahr auf dem Max-Josef Platz gegenüber vom Nationaltheater, ebenfalls

am 27.7. Oper für Alle! Kostenlos und wie immer gesponsert vom Hauptpartner der Bayerischen Staatsoper, BMW!

Die nächste Chance diese Neuproduktion zu erleben gibt es dann im September wenn an der Bayerischen Staatsoper die neue Spielzeit eröffnet wird. Dann sind die Weltstars Freddie de Tommaso, Lise Davidsen und Bryn Terfel in den drei Hauptpartien zu erleben. ACHTUNG! Der schriftliche Vorverkauf für die Monate September und Oktober startet bereits am 20 Juni! Der Direktkauf online, telefonisch und am Schalter beginnt genau vier Wochen danach am 20. Juli um 10:00 Uhr. Informationen dazu gibt es ebenfalls über die Homepage der Bayerischen Staatsoper.


                                    Die Musik vermittelt

                                das innerste Seelenleben

                          von einem Gemüte zum anderen

                                      am unmittelbarsten.

 

                                                           (Hermann Ritter)